Nicht nüchtern

Noch vor wenigen Tagen musste ich Artikel über den Prozess von Gina-Lisa Lohfink und seinen Ausgang suchen, jetzt prasseln sie auf mich ein, sobald ich meinen Laptop aufschlage. Ich lese überhaupt erst nur die feministischen, die wütenden, die empörten. Triggernd sind sie trotzdem und ich bringe es nicht fertig, dem weisen Rat, nie die Kommentare zu lesen, Folge zu leisten, sie füllen noch meine eigene Timeline, sobald ich einen Artikel teile.

Kommentare voller „objektive Entscheidung“, „wissenschaftliche Laborergebnisse“, „schlüssige Beweisführung“. Die eine natürlich völlig unbeeinflusste und neutrale Rechtssprechung gegen die ideologieverbrämten Feminazis setzen. Ich kriege Herzrasen und Schwindelanfälle, wenn ich daran denke, wie viele Menschen da draußen rumlaufen, für die nach einem „Nein“ einseitig fortgesetzter „Sex“ einfach keine Vergewaltigung darstellt.

Ich bin nicht in der Lage, das nüchtern zu betrachten, ich schaffe es nicht einmal, mit engagierter Wut den Prozess, seinen Ausgang und die Berichterstattung darum herum als gesellschaftliches Phänomen auseinander zu nehmen. Mit wird nur wieder einmal mit erschreckender Konsequenz vor Augen geführt, auf wie wenig Hilfe eine Betroffene zu hoffen hat, wie viel Häme ihr entgegenschlagen wird.

Ich weiß, nichts kann mich schützen, und trotzdem überlege ich reflexhaft, was Menschen, die hier relativierend kommentieren, wohl von mir erwarten würden, wie ich mich verhalten soll, um zu vermeiden, das sexualisierte Gewalt mir selbst angekreidet wird, wenn ich sie öffentlich machen würde ?

Nie wieder mit einem Mann nach Hause gehen, mit dem ich schonmal Sex hatte, diesmal aber keinen wollen könnte?

Nie mehr mit einem Mann nach Hause gehen, der Freunde hat, für den Fall, dass er sie dazu holt und ich mit ihm zwar Sex haben will, mit denen aber nicht?

Nie mehr mit einem Mann nach Hause gehen, der Substanzen besorgen könnte, die meine Wahrnehmung, Zurechnungsfähigkeit, Reaktionsschnelle in irgendeiner Weise beeinträchtigen?

Nie mehr mit einem Mann nach Hause gehen, der in der Lage ist, ein Foto oder Video von dem was abläuft, zu erstellen?

Mir geht die Diskussion auch deshalb so nahe, weil ich denke: die Aufmerksamkeit heischende Schlampe, das billige Flittchen, das könnte ich sein. Das könnte ich sein? Das bin ich schon gewesen. Das waren Befreundete, Bekannte von mir schon, sind es noch. Man kennt uns trinkend und konsumierend und weiß dass wir mal mit dem einen, mal mit dem anderen gesehen werden, rummachen, nach Hause gehen. Gerne kurze Röcke und enge Tops und weite Ausschnitte und kniehohe Stiefel und High Heels und krasses Make-Up tragen.

Wenn ich die Art sexualisierter Gewalt, für die es überhaupt einen Straftatbestand gibt, erleben und mich dazu entschließen sollte, sie zur Anzeige zu bringen, falls diese aufgenommen und für einer Verhandlung würdig befunden werden sollte – was bekanntermaßen unwahrscheinlich ist – wird mich das noch unglaubwürdiger machen als eine Frau*, die einen Mann * der Vergewaltigung anklagt, ohnehin schon immer ist.

Ich frage mich, ob einem der Kommentatoren bewusst ist, wie es sich anfühlt, nicht „falls mir das mal passiert“ zu denken sondern „wenn es mir das nächste Mal passiert“. Wenn das nächste Mal der Typ mit dem ich nur tanzen oder reden wollte nicht aufhört, sich näher an mich zu drängen, als ich will. Wenn das nächste Mal der, mit dem knutschen so nett war, dass ich es noch auf ein Glas Wein zu Hause ausdehnen wollte, davon ausgeht, dass das auf P-I-V-Sex hinauslaufen müsste. Wenn ich das nächste Mal eigentlich keine Lust auf Sex habe aber auch nicht auf den Stress, den enttäuschte Erwartungshaltungen „zwangsläufig“ auslösen.

Dieses Bewusstsein, dass sexuelle Belästigungen zu meinem Leben gehören, bisher und in Zukunft, und ich dem nicht werde entgehen können, wie Straßenverkehr – vielleicht nicht der unpassendste Vergleich, ich weiß, ich muss mich da irgendwie drum herum manövrieren so gut es geht, manchmal gibt es Warnzeichen, bei denen ich weiß, da muss ich anhalten, manchmal kann ich nichts dagegen tun, getroffen zu werden und wenn ich Glück habe, erlebe ich nur einen Schock, wenn ich Pech habe, kostet es mich das Leben.

Ich kann es nicht vermeiden und ich könnte nicht sicherstellen, dass man mir glaubt. Selbst in meiner ach so aufgeklärten, befreiten, antisexistischen Szene wird sich das Maul zerrissen über Frauen*, die Sex außerhalb monogamer Heterobeziehungen haben – es ist so tief verwurzelt, ich ertappe mich manchmal selbst dabei mich zu fragen wonach Frauen* suchen, die sich so kleiden und schminken, wie es als Standard von sexy und aufreizend wirkend wahrgenommen wird, die tatsächlich und offensichtlich mit vielen Partnern etwas haben – bis mir wieder bewusst wird, dass es keinen weiteren Grund dafür braucht, keine Erklärung, außer Bock darauf zu haben.

Ich habe das auch internalisiert, aber ich kann immerhin auf Anhieb eine Reihe von Menschen aufzählen, die noch zu mir stehen würden – und dann frage ich mich, wie das wohl anderen Frauen* gehen muss, die nicht seit Jahren feministisch aktiv sind und dementsprechend gut vernetzt. Denn mehr Angst als vor der sexualisierten Gewalt, die mir zwangsläufig früher oder später widerfahren wird, habe ich vor der sozialen Isolation, die daraus erwächst, diese öffentlich zu machen – von der ich auch weiß, dass sie eine unweigerliche Konsequenz ist. Noch nicht einmal habe ich erlebt dass ein Frau* versuchte, eine Belästigung öffentlich zu machen, ohne dass hinter ihrem Rücken gefragt wurde, was sie damit (eigentlich) bezwecken will. Ohne dass ihr Sexual- und sonstiges Verhalten pathologisiert wurde.

Ich hoffe nur dass diese Angst mich nicht davon abhalten wird ein Leben zu führen das so deutlich näher an Hure als an Heilige ist. Selbst wenn es eine Garantie gäbe, zumindest im Zweifelsfall ein glaubwürdiges Opfer darzustellen, es wäre der falsche Weg, dies erreichen zu wollen durch den Verzicht auf eine selbstbestimmt ausgelebte Sexualität. Deshalb ist mir der Support, der jetzt läuft, – die #teamginalisa – Hashtags, die Artikel, die heraus kotzen, was für ein abartiges Beispiel von rape culture das Ganze ist, die Demonstrationen – so wichtig. Dieser Hoffnungsschimmer, Betroffene könnten, noch lange nicht gesamtgesellschaftlich, aber von Einzelnen, die in der gleichen Haut stecken, in all unserer mediengeilen, nymphomanen Schlampigkeit doch Support und Solidarität erfahren.

Tränen auf der Lieblingsmensch

Ich stehe im SO 36 und mir kullert eine Träne nach der anderen die Wangen herunter.

Gut, ich bin anderthalb Tage vor Einsetzen meiner Periode und ich habe ein Glas Rotwein intus, mir ist bewusst, dass es auch damit zu tun hat, dass ich emotionaler als sonst auf Situationen reagiere, aber ich bin schon ernstlich gerührt, überwältigt.

Ich habe mit vielem gerechnet auf einem von Pinkstinks ausgerichteten Abend, und einiges davon auch bekommen: das Bashing von Germanys Next Top Model, als wäre die Sendung die Wurzel allen Übels und nicht bloß ein meinetwegen besonders widerlicher, vielleicht sogar einflussreicher und Besorgnis erregender, Auswuchs davon; den furchtbaren Satz „Plus Size ist die Behinderung des Modebetriebs“, der von der berechtigterweise sichtlich konsternierten Moderatorin Ninia LaGrande noch mit einem durchaus zurück haltenden: „Ich kann nur sagen, Behinderte sind auch die Behinderten der Modebranche“ quittiert wird; dass Nicht-Weisse Menschen nur als Musiker*innen und das vereinzelte Model, nicht als Speaker*innen, nicht als Expert*innen, auftreten; eine Fülle von vereinfachten, Pseudo-empowernden Sätzen, die mehr dazu geeignet sind, das Publikum zu animieren, „Woohoo“ zu rufen, als dem sexistisch-lookistischen Normalzustand eine Alternative entgegen zu setzen.

Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es diese Momente diesen Abend wirklich noch geben wird. Ich dachte nur: „naja, ich finde die öfter kritisch, aber es sind Größen des Feminismus für lau zu sehen und ich bin zufällig in Berlin und habe den Abend nichts anderes vor, mal reinsehen.“

Ich wusste aber auch vorher nicht, dass ein Teil der Show die Präsentation der Dessous von Ina Holub auf dem eigens dafür an die Bühne gebauten Laufsteg sein würde. Die Inhaberin eines Ladens für Plus Size Vintage Mode (und Model, und Burlesquetänzerin, und und und), schreibt auf ihrem Blog, dass sie von Sookee selbst eingeladen bzw, weiter empfohlen wurde: „Für solche Vernetzungen und Solidarisierungen liebe ich Internet!“

Sie selbst dankt im Review des Abends erstmal allen Models, die mitgemacht haben, völlig gleich, ob sie schon länger Performerinnen / Models sind oder das erste Mal auf der Bühne standen.

Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke, dass genau dieser Geist durch einen Großteil des Abends wehte. Es ging einmal nicht darum, wer sich besser präsentierte, wer den größten Beitrag für den Feminismus(TM) leistete, wer das eigene Label, die eigene Marke als progressivste, radikalste, sexyeste positionierte.

Sondern darum, diese Bühne zur Verfügung zu haben und sie mit denen zu teilen, die eine selbst toll findet, feiert, von der eine glaubt, mehr Menschen sollten sie sehen. Es ist genau diese Abkehr von Konkurrenzdenken und das Zelebrieren des gegenseitigen Supports, die mir die Tränen in die Augen treibt, als Tamika, Bernadette La Hengst und Sookee zum Auftritt von Finna dazu stoßen. Finna, die offensichtlich aufgeregt und begeistert ist hier zu sein, die dem Publikum erzählt, dass sie selbst Fan von allen ist und wie viel es ihr deshalb bedeutet, nun mit diesen eine Bühne zu teilen. Den ganzen Abend über bitten die Frauen*, die jeweils auftreten, die anderen mit auf die Bühne. Bernadette LaHengst, die als einzige außer den Models den Laufsteg nutzt, feiert nicht nur sich selbst, sondern auch die Musiker*innen mit ihr auf der Bühne, die wirken, als wären es zwei ihrer Freund*innen und die Tochter* der einen.

Ich fühle mich dabei an Frauen* in meinem Umfeld erinnert, Frauen*, die ich erst als Namen auf Flyern wahrgenommen habe, bevor ich sie persönlich kennen lernen durfte, die ich aus der Ferne bewundert habe, bevor ich dann gemerkt habe, dass sie selbst sich als genauso unsicher und zweifelnd erleben wie ich mich auch.

Daran, wie wir uns gegenseitig bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf die Bühnen heben, die wir zu bieten haben, auch wenn es kleinere mit weniger Publikum sind.

Klar, auf den Panels und bei den Zwischenmoderationen war die Selbstdarstellung dann wieder groß. Ich möchte da gar nicht groß drüber herziehen, ein Teil der dort Versammelten macht sicher auch wichtige Arbeit. Hängen geblieben sind mir bloß die Aktionen des peng!Collective, die im März 2015 einen Bot programmierten, der Usern, die misogynen Mist bei Twitter verzapften, automatisch Links zu einem Video-Selbsthilfekurs schickte, bei dem sie lernen konnten, sich im Netz anständig und respektvoll zu verhalten und Feminismus zu akzeptieren.

Diese Beweise des gegenseitigen Supports finde ich noch wichtiger als die ausdrücklich gegen Lookism gerichteten Programmpunkte. Die Fashion Show ist für mich emotional nicht so berührend, aber ich freue mich natürlich wahnsinnig, diese Frauen* voller Stolz und Selbstbewusstsein über den Laufsteg schreiten und mit frenetischem Applaus gefeiert zu sehen – Models, die nicht nur Plus Size jenseits von Größe 42 sind, sondern auch of Colour, über 50, mit Be-Hinderung. Klingt wie eine Aufzählung „abweichender“ Attribute? Ja, und so fühlt es sich auch ein wenig an – aber ich bin mir auch nicht sicher, wie das besser gelingen kann bei einer so kurzen Sequenz mit gerade einmal neun Models. Trotzdem ist es wahnsinnig befreiend zuzusehen, wie sich hier Frauen*, deren Körper sonst als unattraktiv gelten, völlig selbstverständlich und sich in der Rolle wohl fühlend in auf sie zugeschneiderten Dessous präsentieren.

Dafür geht meine Heulattacke weiter, als Finna direkt zwei Texte zu Körperschemastörung raushaut, weil all die Widersprüche mit dem Thema gar nicht in einen passen – einen „scheiss drauf, mir egal wie ihr mich seht, was mir vorgehalten wird, ich find mich toll“ und einen „ich kann mich doch nicht davon freimachen und obwohl ich mich als Feministin verstehe habe ich diese Ansprüche an mich, von denen ich doch weiß, dass sie unrealistisch sind“, ein Dauerbrennerthema, bei dem ich mich damit abgefunden habe, dass es mich noch den Rest meines Lebens begleiten wird, bei dem ich, obwohl ich es inzwischen ein paar Mal mitbekommen und durchdacht habe, nach wie vor jedes Mal erleichtert bin, wenn ich mitbekomme, dass es anderen auch so geht.

Es geht an diesem Abend nicht ausdrücklich darum, aber ich höre und lese in letzter Zeit wieder viel zum Fehlen von Utopien. Und für mich persönlich scheinen ein paar utopische Momente auf, in denen ich denke, ich möchte, dass das immer so laufen könnte. Ich wünsche mir eine Welt in der wir umso lauter applaudieren wenn eine stolpert oder fällt. In der allen Körpern zugestanden wird, dass sie attraktiv und sexy wirken können, wenn ein*e das will. In der wir Abendkleider tragen ,weil wir Bock auf Glamour haben, ohne uns darum zu scheren, ob es angemessen erscheint. In der wir in der Lage sind über unsere Aufregung, unsere Unsicherheiten und Zweifel und unsere Sorgen miteinander zu reden, auch mit denen, die wir vorher für so viel cooler hielten. In der wir einander mit in unsere Projekte, zu unseren Auftritten holen, in denen wir einander neue Möglichkeiten, öffentlich in Erscheinung zu treten, schaffen.

Bigmouth Strikes Again

„Sweetness, sweetness I was only joking when I said I’d like to smash every tooth in your head… Bigmouth strikes again and I’ve got no right to take my place to the Human race.“

Charismatische Arschlöcher, wegen denen eigentlich coole, starke, unabhängige Frauen* am Rad drehen und sich gegeneinander stellen. Davon wissen, wie sie andere schon behandelt haben oder noch behandeln oder es an sich selbst mitkriegen und nicht davon los kommen, nicht aufhören können, etwas von ihnen zu wollen, Aufmerksamkeit.

Typen, die nicht wirklich grenzüberschreitend sind, nicht direkt, aktiv scheiße. Typen, die ihre Partner*innen weniger runterbuttern als eher überhöhen, idealisieren. Typen, die ihre Partnerinnen die meiste Zeit durchaus respektieren, oft abfeiern, für ihr Aussehen, ihren Stil, für die Dinge, die sie tun, die sie schaffen, für ihre Coolness. Die selbst einiges aufzuweisen haben an Subkultur-Credibilität (ich habe keine Ahnung ob es diesen Schlag auch außerhalb von Szenen gibt, ich bewege mich in einer Blase), Tattoos und Piercings und aktuelle oder vergangene Band- und Drogenerfahrungen, die schonmal auf einer Bühne standen und/oder die erste Reihe einer Demo gebildet haben, bei der es hoch herging und schonmal bei einer Soliparty aufgelegt haben oder hinter der Theke standen.

Typen, die sich größtenteils für Feminismus interessieren oder zumindest aussprechen, sich selbst als antisexistisch verstehen, Typen, die ausdrücklich Frauen* suchen, die keine „Tussen“ sind, sondern Frauen*, die eigene als cool akzeptierte Interessen haben, die nicht so wirken als würden sie sich von Typen* abhängig machen, unterbuttern oder manipulieren lassen.

Diese Feminitätsfeindlichkeit kommt auch nicht von ungefähr, viel schneller würde bei zarten, anhänglichen, offenbar nach klassischer Romantik suchenden Frauen* auffallen, dass sie Ansprüchen an eine gleichberechtigte, respektvolle Beziehung nicht gerecht werden können, als bei denen, deren Selbstverständnis es einschliesst, stark und unabhängig zu sein und sich nicht von Männern*, nicht von Beziehungskram fertig machen zu lassen.

Es fällt schwerer, darüber zu reden, es vor anderen einzugestehen, vor sich selbst, oder die Freundinnen bei denen eine das bemerkt darauf anzusprechen.

Sie suchen nach gechillten, sich nicht von Emotionen leitenden Frauen (was erstens reine Mysogynie ist und zweitens: wovon denn sonst?) und es ist für diejenigen von uns, die nicht ihr ganzes Leben in eine Beziehung stecken und unser ganzes Befinden davon abhängig machen wollen unendlich attraktiv, so gesehen zu werden. Anders zu sein als die anderen, nicht durchzudrehen, nicht eifersüchtig zu werden, keine Ansprüche zu stellen, unsere Bedürfnisse anderswo zu stillen. Hier kann man beweisen, dass man nicht die hilflose, zu rettende Prinzessin ist.

Es ist ein spezifisches und von Männlichkeitsidealen geprägtes Bild dessen, was „stark“ bedeutet. Es ist das, wogegen wir tumblrn und sharen und, seltener, einander persönlich sagen, dass es eine andere Art von Stärke ist, Gefühle zuzulassen, zu zeigen und zu äußern. Sie zu reflektieren, zu analysieren, ja, aber nicht zu unterdrücken, weil sie nicht zu dem Bild der coolen Frau passen. Wir neigen dazu, Unabhängigkeit damit zu verwechseln, keinerlei Ansprüche zu stellen, mit allem fertig zu werden. Verhaltensweisen, die uns fertig machen entweder hinzunehmen oder eben für uns zu entscheiden, dass es das war. So lange die „Lass uns einfach eine gute Zeit haben“ – Rolle einzunehmen, bis die Zeit, die wir haben, keine Gute mehr ist.

Klar, anzusprechen, was uns stört, was uns verletzt (hat), was wir uns wünschen, offenbart eine Schwäche, von der wir nichtmal selbst eingestehen wollen, dass wir sie haben. Wir ahnen, dass sie diesen Typ, dem bewusst ist, dass viele ihn heiß finden, der von Anfang an kein Drama wollte, verschrecken wird. Er eben nicht damit klar kommt, wenn wir „Schwäche“ zeigen in Form von Unsicherheiten, von Eifersucht, in Form von Ansprüchen an eine Beziehung, die eigentlich auch nicht mehr sind als Rücksichtnahme und eine Begegnung auf Augenhöhe. Wir haben uns das ja schließlich so ausgesucht, weil wir beide ein lockeres, stressfreies Ding wollten, nicht wahr? Weil wir beide gar nicht bereit sind für Verpflichtungen, weil wir beide andere Dinge im Kopf haben.

Es ist ein so verlockender Anspruch, sich nicht um Typen zu kümmern, sich nicht von – im weitesten Sinne – Beziehungsdingen runterziehen zu lassen, sich anderen Themen zu widmen, sich nicht bei Freund*innen und Bekannten darüber auszulassen oder beschweren. Es ist gleichzeitig mit feministischen Zielen vereinbar und voller patriarchaler Hintergründe. Mit wem ich weshalb was habe geht doch nur mich was an, was der mit wem anderes noch tut interessiert mich gar nicht, ich will ja eh gar keine feste/geschlossene/verbindliche Beziehung, ich habe sowieso ganz andere Sorgen/Interessen, um mich darum zu kümmern.

Von wem soll denn Verständnis kommen, dafür, wenn er einem Wunsch, einem Anspruch nicht gerecht wird, dem er nie zugestimmt hat? Von dem wir einfach nur fälschlicherweise annahmen, er wäre im Rahmen dessen, was wir auch in einer lockeren Affäre, in einer sich nicht auf romantische Zweisamkeit fokussierenden Beziehung, verlangen könnten…

Freund*innen, die uns als die unabhängige, starke, vielseitig interessierte, nicht nach Bestätigung in Typen suchende Frau* kennen und schätzen, haben dann auch einen Grund, zu sagen: vergiss ihn doch, lass dich davon doch nicht fertig machen. Und nächstes Mal habe ich überhaupt keine Lust mehr, ihnen davon zu erzählen, weil ich immer noch zu viel Gutes daraus ziehe, um zu gehen.

Schließlich geht von den charismatischen Arschlöchern auch genug Anziehung aus. Männer, denen eine bestimmte Art, eine bestimmte Menge an Sensibilität zu eigen ist, genug, um tiefsinnig und auf attraktive, verruchte Art ein wenig kaputt zu wirken. Selbstzweifelnd genug, um nicht pompös oder einfach unreflektiert zu wirken, aber nicht genug, um sich wirklich zurückzuziehen und das eigene Verhalten in Frage zu stellen. Gerne werden im Vorfeld Warnungen ausgesprochen, oder angedeutet, man sei für Beziehungen nicht bereit oder geschaffen, frau solle sich besser von einem fernhalten. Eine anziehende, attraktive Inszenierung von Selbstzweifel bis -hass, vom Hang zu (selbst)destruktivem Verhalten und dem Bedauern, einfach nicht anders zu können, wohl einfach ein schlechter Mensch zu sein. Es weckt eine Mischung aus Faszination und Helfer-Syndrom.

Es ist meist nicht mal eine bewusste Manipulation, es ist fehlende Rücksicht und subtiles Fertigmachen durch Hinhaltetaktiken und Unklarheiten. Es ist die Weigerung Verantwortung zu übernehmen für die Konsequenzen, die das eigene Verhalten nach sich zieht, ob intendiert oder nicht. Es behält sich immer eine Hintertür offen, so dass sich hinterher nichts Konkretes vorwerfen lässt. Es lässt sich immer sagen: „Hups, ich wusste nicht, dass das nicht ok ist, ich dachte, es wäre klar“, es kann immer auf die Betroffene zurück fallen, die sich ja schließlich freiwillig darauf eingelassen hat.

Es ist natürlich keine Entschuldigung, aber ich habe solche Männer* in meinem Freundeskreis und sie haben wirklich Probleme mit sich selbst. Ich glaube sogar, dass es ihnen bewusst ist, auch, dass ihnen klar ist, dass und vielleicht sogar wie sich das auf ihre Beziehungen auswirkt. Manchmal werden sie dann weh- und selbstmitleidig, dass sie ja auch gerne mal eine enge, aufrichtige Beziehung hätten, öfter bezichtigen sie sich selbstironisch oder fatalistisch der Beziehungsunfähigkeit. Diese Pseudoselbstreflektiertheit: „Jaja, ich weiß, ich bin ein Arsch, man kann mich so nicht lieben.“ Die einfach da halt macht, sich darin suhlt, nicht den Hintern hoch bekommt, um daran etwas zu ändern, fatalistisch behauptet, das ginge einfach gar nicht.

Sie haben es auch nicht nötig, sich ernsthaft Gedanken darum zu machen, wie sie das ändern könnten, daran zu arbeiten, denn sie kommen damit durch. Sie werden immer wieder Frauen* finden, die sie in ihren Bann ziehen, die darauf herein fallen und sie werden in ihren Freundeskreisen weiterhin geschätzt, weil sie so sympathische, coole Typen sind.

Wir machen alle viele Fehler in Beziehungen, wir ziehen andere Menschen, unsere Partner*innen, unsere Lover, unsere Freund*innen damit runter und verletzen sie oder schränken sie ein, das ist nicht der Punkt. Aber ich habe nicht das Privileg, den gleichen Fehler mehrmals zu machen, ohne darauf hingewiesen und dafür zur Verantwortung gezogen zu werden. Ich kann nicht einfach davon absehen, mich darum zu kümmern und damit zu beschäftigen, was schief gelaufen ist, denn ich werde danach gefragt werden, von meinem Umfeld und von denen, mit denen ich das Bett teile.

Es ist der erste Schritt, sich zu trauen, untereinander darüber zu reden. Sich nicht dafür zu schämen, auf diesen Typ herein gefallen zu sein. Nicht auf Teufel komm raus verteidigen zu müssen, abschmälern zu müssen, was er an Scheiße gebaut hat, damit frau nicht selbst Schuld war. Ich würde Freund*innen ihre Autonomie lassen, kein: „Nimm dich bloß in Acht, lass bloß die Finger von dem,“ auf das später ein „Ich habs dir ja gesagt“ folgt, aber eine Warnung, dass der in Beziehungsdingen nicht korrekt ist, falsch spielt. Nicht diese Art von Victim-Blaming greifen zu lassen, die ihn als unübersehbares, offensichtliches Arschloch zeichnet. Einander erklären und versichern, dass wir beides verstehen, die Faszination und Anziehung, die von denen ausgeht und die Frustration und Verletzung, wenn rücksichtsloses Verhalten wieder und wieder passiert. Nicht hineinfallen auf die Erzählung, dass es besonders emanzipatorisch oder auch nur möglich wäre, sich darum einfach nicht zu kümmern, sich nicht angreifen zu lassen.

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„Ist das romantisch oder kann das weg? Widerstand gegen den romantischen Normalzustand« – Workshop mit Jolly Roger

Die Leitfragen nach den Auswirkungen von „Romantik“ auf Beziehungen und queere Kontexte treten leider zunächst in den Hintergrund um erst einmal grundsätzlich zu klären, was die Gesellschaft und was wir selbst unter Romantik eigentlich verstehen und was wir davon halten. Dabei kommen durchaus spannende Beobachtungen heraus, die dazu erdachten Spiele sind unterhaltsam bei allem ernstem Kontext und nach und nach kommen wir auch zu den Auswirkungen, aber leider treten grundsätzliche Fragen zu Beziehungen dahinter zurück, es bleibt einfach zu wenig Zeit um diese noch tiefergehend zu diskutieren und wir sind auch ein wenig nachdenklich und aufgewühlt angesichts der langen Diskussion über ein so persönliches, uns alle betreffendes Thema.

Zum Einstieg werden wir gebeten, uns in Zweier-Gruppen Dates auszudenken, die wir nett fänden. Dabei sollen wir uns dazu einen Ort, eine Zeit, einen Gegenstand und ein Gefühl überlegen.

Es stellen sich ein paar Gemeinsamkeiten aller Datevorstellungen heraus – eine gemeinsame Aktivität oder Unternehmung soll es schon sein – aber es werden vor allem Fragen aufgeworfen:

Kann mensch sich auch alleine oder mit mehreren auf ein Date treffen oder nur zu zweit? Ist ein Date (als solches) geplant oder ein zufälliges Treffen oder Kennenlernen bei dem eins nach und nach merkt, dass da gegenseitige Anziehung ist? Sind alle Dates gleich gut geeignet um sich kennen zu lernen? Würde eins manche Dates vielleicht nur mit Menschen haben, die er*sie bereits gut kennt? Ist die Sympathie schon vorher da oder entwickelt sie sich erst während dessen, aus dem Date heraus, ist das vielleicht genau der Punkt, der aus einer freundschaftlichen Verabredung erst ein Date werden lässt? Sollte ein Date eher einen intimen, abgeschlossenen Rahmen bieten oder an einem öffentlichen Ort statt finden, wo eins sich spontan entschließen kann, ein Date zu beenden?

Gibt es einen oder mehrere Orte, Zeiten, Gegenstände, Gefühle, die romantische Momente von anderen abgrenzen? In unserer Gruppe machen wir uns eher lustig über die Vorstellung, Teelichter und Kaffee trinken gehen und Rosen seien besonders romantisch, auch wenn es durchaus spannend ist, zu versuchen, dem Ursprung dieser Vorstellungen auf den Grund zu gehen.

In Anlehnung an Eva Illouz diskutieren wir die Frage, ob es zu einem Date gehört, entweder luxuriöse Produkte und/oder Erlebnisse zu konsumieren oder in Abgrenzung dazu hinaus in die „reine“ Natur zu fahren. Nicht alle der vorgestellten Dates passen in dieses Schema, aber meist läuft es doch darauf hinaus, zusammen etwas trinken zu gehen oder ein Picknick vorzubereiten – das bei Illouz aufgeworfene Stichwort vom „konsumierbaren Individualismus“ trifft ja auch dann zu, wenn das Bier auf dem Punkkonzert dem Wein im Vier-Sterne-Restaurant vorgezogen wird.

Es scheint bereits in den Vorschlägen von gelungenen Dates, erst Recht in der Art und Weise, wie wir über Romantik reden, durch, dass es sich um eine Gruppe an Queerfeminismus mindestens Interessierter handelt. Viele äußern, dass sie den Begriff Romantik direkt negativ bewerten, romantische Momente, ob sie selbst diese so bewerten oder es von außen an sie heran getragen wird, meiden, vor ihnen fliehen oder versuchen, sie aufzubrechen, wenn sie sich in ihnen wieder finden. Andere sehen Romantik im weiteren Sinne, jenseits der Filmklischees, als eine Art von Verbundenheit und Intimität, als eine Form, gegenseitige Wertschätzung auszudrücken.

Worauf sich aber alle einigen können sind die Gefühle, die mit romantischen Momenten verbunden werden: Aufregung, Spannung, Neugier, gleichzeitig Wohlgefühl, Geborgenheit, Achtsamkeit.

An letztere schließt sich dann auch die Frage an, ob Romantik auf Liebesbeziehungen beschränkt bleiben muss. Anhand dieser Frage lassen sich auch die später intensiver verhandelten Problemkomplexe: „Widerstand gegen Romantik“ und „Ausschlüsse durch Romantik“ meiner Ansicht nach am besten nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch aufbrechen.

Wenn Romantik nicht (mehr) als Einhalten einer ritualisierten Abfolge von Verhaltensweisen deren Ziel eine sexuelle, tendenziell auf Ehe hinauslaufende Beziehung angesehen werden soll – eine Vorstellung, welche aufgrund ihrer (Hetero-)Normativität auf Ablehnung stößt – sondern einen besonderen Moment der gegenseitigen Zuneigung und Wertschätzung zeigt, ist diese auch auf andere Beziehungsformen ausweitbar.

Hier werden eine Reihe von Problemen aufgeworfen. Wir stellen fest, das romantische Vorstellungen tendenziell auch eine monogame heterosexuelle Beziehung und schließlich Heirat und Kinder zum Ziel haben, sonst lohnt der Aufwand nicht und wurde verschwendet. Dafür, Romantik mit einem Menschen zu einem gewissen Grad zu genießen, aber nicht mehr zu wollen ist kein Platz. Das gilt zum Beispiel auch für die Sichtweisen von Menschen, die sich Romantik, aber keinen Sex wünschen, oder umgekehrt, oder keines von beiden.

Denn Romantik ist dann ja doch mit Anspruchs- und Erwartungshaltungen verknüpft, die von hochgradig (hetero-)sexistischen Prämissen ausgehen: finanziell starke Eroberer machen die ersten Schritte, sprechen Einladungen aus und machen Geschenke, um das jeweilige weiblich gedachte Objekt ihrer Begierde zu gewinnen.

Ein weiterer augenöffnender Aspekt, der verspricht, die problematischen Aspekte normativer Romantik abzuwenden, wird in der Diskussionsrunde vorgeschlagen: die impliziten, normierten Andeutungen und Annahmen, die hinter romantischen Gesten stecken, durch offene Kommunikation zu ersetzen. Ich finde das ein radikal emanzipatorisches, fortschrittliches Konzept, statt verklausulierte Gesten und Gegenstände einzusetzen verbal mitzuteilen und auszuhandeln, was mensch voneinander wünscht, begehrt, erwartet.

„Weil keine epische Geschichte mit Salat beginnt ?!“ – Workshop mit Rhea

Drogen, allgemeiner und gleichzeitig präziser gesprochen, rauschinduzierende Substanzen, und queere Räume: ist das eine Hass- oder eine Liebesbeziehung?

Wir verbringen recht viel Zeit damit zu diskutieren und zu präzisieren, wie sich eine Droge, wie sich Rausch, wie sich Drogenkonsum überhaupt definieren lassen:

Die Intention Rausch zu erleben im Unterschied dazu, durch ein Medikament einen gewünschten Normalzustand wiederherzustellen oder mit einem besonders leckeren Essen den Hunger zu stillen

Welche Ansätze und Umgänge es im Zusammenhang mit Drogen gibt.

Leider kommen wir nicht mehr dazu, länger über den schönen Begriff „Queer Edge“ zu reden, von dem ich bisher nicht wusste dass er ein feststehender Ausdruck ist, den ich eher für ein witziges Wortspiel gehalten hatte.

Wir stellen fest: da ist die historische Verankerung in der Disco- und House – Szene, da ist der allgemeine Anspruch, gesellschaftliche Normen, Annahmen und Gesetze zu hinterfragen, da ist das Bedürfnis, einem Alltag voller Diskriminierungserfahrungen zu entfliehen, das Bedürfnis, gemeinsame Erlebnisse auch außerhalb vorgegebener Rahmen zu teilen, da ist die Frage (auf die wir mit einem klaren „Ja!“ antworten), ob das Recht auf körperliche Selbstbestimmung, darauf, selbst zu entscheiden, was eine_r gut tut und sich gegebenenfalls auch gegen eine vermeintlich längerfristig „gesündere“ Lösung und für eine Linderung der erfahrenen Schmerzen und Verletzungen bis hin zur absichtsvollen Selbstzerstörung zu entscheiden.

Auf der anderen Seite sind da die Ausschlüsse und die Risiken, die Drogenkonsum mit sich bringt:

das Unwohlsein derjenigen, die mit einer eigenen Geschichte von Drogenmissbrauch kämpfen oder negative Erfahrungen über ihr Umfeld gemacht haben oder sich einfach nicht sicher fühlen, wenn sie Veränderungen im Verhalten der sie umgebenden Menschen feststellen und nicht einschätzen können, wie „klar“ diese sind. Die Frage, wie gut Grenzüberschreitungen vermieden werden können wenn Beteiligte unter Drogeneinfluss stehen.

Das, was wir einhellig als „die große K-Frage“ herausarbeiten: Vertragen sich Konsum und Konsens? Und wenn ja, wie, unter welchen Umständen?

Und die Frage nach Freiräumen, für wen? Für Menschen, die aus den genannten oder unzähligen anderen Gründen das Bedürfnis nach Rausch haben? Für Menschen, die nicht damit umgehen können und dann auch nicht dazu gezwungen sein sollten, erst Recht nicht in einem Raum, der den Anspruch vertritt, einen höheren Schutz vor Übergriffen, vor Triggern und vor Ausschlüssen zu bieten als die Straight World? Glücklicherweise stellen wir diese Positionen zwar nebeneinander und problematisieren ihre wechselseitigen Auswirkungen, fangen aber gar nicht erst an auszudiskutieren, was mehr Berechtigung haben könnte, sondern widmen uns direkt Fragen der praktischen Umsetzbarkeit: Lassen sich diese Ansprüche irgendwie vereinbaren? Wäre es zumindest wünschenswert, für beide Gruppen im Vorhinein als solche gekennzeichnete Räume anzubieten?

Erwartungsgemäß bleiben mehr Fragen im Raum stehen als Antworten gefunden werden. Es ist für mich eher überraschend, das am Ende doch einiges an konkreten und durchaus umsetzbaren Vorschlägen heraus kommt: innerhalb der eigenen Bezugsgruppe transparent zu machen, ob und was eins vor hat / plant, zu konsumieren, auf etwaige Bedenken der anderen Beteiligten zu hören, (potentielle) Sexualpartner*innen zu informieren. Erstaunlich finde ich es, dass die Vorgabe, mit den direkten Bezugspersonen mit denen eins unterwegs ist im Vorfeld abzusprechen, was eins konsumieren möchte, wie sich das auswirkt und ob alle damit einverstanden sind, auch bei denen, die Drogenkonsum generell eher kritisch gegenüber stehen, bereits als sehr weitreichend angesehen wird und sie hinterfragen, ob das realistisch sei. Dieses Vorgehen lässt sich meiner Ansicht nach sehr leicht umsetzen und auch gut auf Situationen in denen es (potentiell) um sexuelle Handlungen geht übertragen. So lässt sich zumindest an dieser Stelle informierter Konsens schaffen.

Ein weiterer sehr konkreter Vorschlag ist der, bereits in Partykonzepte – ähnlich Awareness – Teams – Menschen, vorzugsweise mit eigener Drogenerfahrung, die sich auskennen, ansprechbar sind und um die Konsumen*innen und ihr Wohlbefinden zu kümmern.

Es ist angenehm, sich in einem Raum zu bewegen, in dem es nicht abwegig oder verwerflich erscheint, dass Menschen Drogen konsumieren. Vielleicht bleibt der Wunsch nach einer reibungslosen, mit keinerlei Einschränkungen verbundenen Vereinbarkeit eine Utopie, aber es lassen sich Maßnahmen ergreifen, größere Freiheiten und mehr Sicherheit und Support für Konsument*innen und Nicht- Konsument*innen zu ermöglichen.

Kjupoint – Grundzüge

Bereits zum dritten Mal findet „der Q.“ in Halle statt. An wechselnden Orten, wie ich später erfahre, mit wechselnden Schwerpunkten und in reduzierter Form – gab es vorher fast zwei Wochen lang Programm, sind es jetzt „nur“ noch acht Tage. Eine Gruppe von 3-8 Frauen*, einige neu, einige zum dritten Mal dabei, einige auch in anderen Zusammenhängen aktiv und an Aktionen und Veranstaltungen beteiligt, andere, die zum ersten Mal eine Form gefunden haben, in der sie aktiv werden wollen.

Die Räume sind her gerichtet mit Zinedistro und Bücherschrank, mit Unisextoiletten und Kinderspielecke. Etwas gewöhnungsbedürftig ist es, dass der Kaulenberg 6, in dem die Veranstaltungen statt finden, abends zur Kneipe wird, in der sich auch Stammgäste einfinden, so dass die Getränkepreise ab neun oder zehn Uhr doppelt so teuer sind. VoKü ist leider auch nicht möglich. Ich kenne aber aus Erfahrung die Schwierigkeit, räumlich geeignete, barrierefreie, erreichbare und günstige Veranstaltungsorte zu finden und mit den vielen Sitzecken und gleichzeitig freien Wänden für Beamerprojektionen und Flipchartpapier und genug Platz für DJ-Pult und Bandinstrumente wurde hier ein für alle geplanten Veranstaltungen geeigneter Raum gefunden, was nicht selbstverständlich ist.

Obwohl es einen Nachteil für mich selbst bedeutet, dass sie auf den Samstag nachmittag gelegt werden und ich daher zu der Zeit mich anderweitig beschäftigen muss (ich stelle fest, dass Leipzig und Halle nur eine halbe Stunde S-Bahn-Fahrt entfernt sind und nutze dann die Gelegenheit, veganes Fastfood zu essen und durch den Clara Zetkin Park zu spazieren), finde ich es großartig, dass es Workshops speziell für Kinder gibt. Leider stellt sich später heraus, dass es keine Anmeldungen gibt und diese abgesagt werden müssen.

Grundsätzlich finde ich es aber sehr angenehm, dass sich das Programm über acht Tage hinzieht und damit nie mehr als drei Veranstaltungen an einem Tag laufen. Statt sich entscheiden zu müssen, welchen Workshop oder Vortrag eins sieht, findet alles nacheinander in einem Raum statt, mit großzügigen (Umbau-) Pausen die es erlauben, sich bei einem Getränk mit der ausliegenden Literatur zu beschäftigen, die Ausstellung anzusehen oder mit den anderen auszutauschen, die vorangegangenen Workshops oder auch die Demo Samstag nachmittag in Leipzig zu besprechen.

Allein die knapp drei Tage die ich da bin decken ein breites Spektrum dessen, was ich mir von einem queerfeministischen Ladyfest erhoffe, ab.

Der Vortrag von Heinz-Jürgen Voß ist so gut besucht, dass der Referent die Anwesenden bittet, auf dem Sofa hinter ihm Platz zu nehmen und eine Frau* aus dem Publikum, ihm behilflich zu sein, die Folien der Präsentation weiterzuklicken, damit er nicht selbst durch die vor ihm Sitzenden hindurch steigen oder greifen muss.

Die Präsentation mit dem Titel »Wandel der Normen? Sexualität, Ehe & Co im Umbruch« versucht, unterschiedliche Aspekte nachzuzeichnen, im historischen Wandel, die größere gesellschaftliche Akzeptanz die sich in Gesetzen und Einstellungen – die exemplarisch durch Umfragewerte nachgewiesen werden – niederschlägt, aber auch im internationalen Vergleich. Dabei wird nicht unterschlagen sondern ausdrücklich problematisiert dass die Vorstellung eines aufgeklärten, liberalen und toleranten Westens zu repressiven politischen Zwecken missbraucht wird und dass eine Ausweitung repräsentierter sozialer Identitätskategorien auch mit einer Zunahme an politischen und ökonomischen Zugriffen einhergeht.

So wichtig die Problematiken sind, die sich mit dieser Frage verknüpfen und anschließen, ich vermisse eine Klammer, einen Bogen um die verschiedenen Aspekte, die der Vortrag anspricht.

Dabei werden aber, wie die Ankündigung:

„Überall wird von der »Ehe für alle« gesprochen. Ist das jetzt progressiv oder konservativ oder beides? Und wer ist überhaupt gemeint, wenn wir von »alle« sprechen? Wie verändern sich die gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität und Ehe? Und was hat das zu bedeuten?“

bereits nahelegt, viele durchaus interessante Komplexe aufgegriffen. Es bleibt die entscheidende Ansicht, dass nicht jede Bewegung, die mehr Rechte für Homosexuelle verspricht, damit automatisch für alle erreichbare emanzipatorische Ziele vertritt.

Die größte positive Überraschung ist für mich der Vortrag zu „Feminismen in Slowenien“ von Tea Hvala. Ich habe mir zunächst nicht so viel davon versprochen, aber sie schafft es, sowohl einen groben Überblick über die Geschichte feministischer Bewegungen in Slowenien und anderen postsowjetischen Ländern zu geben, bei denen Sie den sich verändernden politischen Hintergrund mit einbezieht und das Verhältnis zwischen offizieller staatlicher politischer Linie und feministischen Bewegungen darstellt und problematisiert, und gleichzeitig einzelne, aktuelle und relevante Gruppen und Netzwerke vorstellt. Intensiv widmet sie sich der Gruppe Revolt Women Social Workers. Wir bekommen youtube-Videos einzelner Aktionen zu sehen, die zur Nachahmung anregen und auch hier bekannte Konflikte aufgreifen, wie bspw. Auftritte konservativer Politiker auf Pride Paraden. Bemerkenswert finde ich besonders, dass viele Aktionen sich tatsächlich nicht auf rein feministische Themen beschränken, sondern auch ein gemeinsames kostenloses Essen mit Obdachlosen oder die Vernetzung mit lokalen Freiraumbewegungen als Bestandteil des Aktivismus gedacht werden. Am Ende überlegen einige von uns ernsthaft, zu einem der queeren Festivals nächstes Jahr nach ljubljana zu kommen.