Rezension: „Ich bin kein Sexist, aber…“ – Sexismus erlebt, erklärt und wie wir ihn beenden. Von Yasmina Banaszczuk, Nicole von Horst, Mithu M. Sanyal und Jasna Strick

Drei Initiatorinnen des Hashtags #aufschrei und Journalistin Mithu Sanyal beschreiben ihre Sicht auf Alltagssexismus, seine Ursachen und auch seine Verschränkungen mit anderen Machtverhältnissen. Unprätentiös erzählen die vier Autorinnen jeweils davon, wie sie das Aufkeimen einer das Etikett mehr oder weniger verdienenden „Sexismus-Debatte“ erlebt haben, was diese in ihren Augen geleistet hat und was nicht, welche Rolle sie persönlich darin spielten, wie sie und ihr Umfeld diese Zeit erlebt haben.

Sie liefern keine fundierte, strukturierte Analyse, nicht einmal einen chronologischen Bericht mit Hintergründen, zu der Debatte, die durch die #aufschrei – Kampagne in bundesdeutschen Medien ausgelöst wurde. Aber das Buch beinhaltet eine Fülle von Denkanstößen, von neuen Sichtweisen. Manchmal schrecke ich auf aus dem Überfliegen von Geschichten und Gedanken, die ich größtenteils selbst schon erlebt und gehört habe, und muss den letzten Satz nochmal lesen. Gelegentlich ist das ein prägnanter Slogan einer der Autorinnen, öfter aber ein griffiges Zitat oder eine Referenz einer anderen Feministin: „Lieben als Verb“ bei bell hooks etwa, „etwas, was wir tun und intendieren“. Interessanter und vielversprechender aber finde ich die Quellenangaben, die Querverweise, die Positiv-Beispiele.

Ich wusste schon, dass in den etablierten Medien fälschlicherweise der Brüderle-Artikel von Laura Himmerlreich als Beginn der #aufschrei-Debatte genommen wurde oder dass mehr als die Hälfte aller Frauen* in der BRD schon von sexualisierter Gewalt betroffen waren – ich wusste noch nicht, dass Jessice Valenti und Jaclyn Friedman ein Buch namens „Yes means yes“ herausgebracht haben, oder es einen „Cosmic Titty Archetype“ gibt.

Eine ganze Reihe von Comediennes, von mit bisher unbekannten Autorinnen und Neuveröffentlichungen von bekannten Autorinnen, von Referentinnen, von Sendeformaten und überhaupt (pro-) feministischen Akteuren jeder Art kommt auf meine To-Read-Liste. Dass sie häufig eher beiläufig, aber dann als Fürsprecherinnen für Argumentationen erwähnt werden, lädt gerade dazu ein, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen.

Eine Lektüre wie ein Gespräch unter queerfeministisch bewegten Freund*Innen: Gedanken teilen, Alltagserlebnisse auflisten, überlegen, wie da struktureller Sexismus und andere Diskriminierungsformen zum Tragen kommen, weiterspinnen, welche Erkenntnisse noch nicht angekommen sind und was passieren müsste, an Aufklärung oder an Gegenwehr, damit sich mal was ändert, ein Verweis auf diesen oder jenen Blogartikel, Auftritt oder Filmausschnitt, der sich mit dieser Frage beschäftigt. Manchmal etwas sprunghaft, häufig begleitet von zustimmendem Nicken. Das Schönste ist die hinter den Texten zu spürende Haltung, die eigenen Vorbilder und Mitstreiterinnen in den Vordergrund rücken zu wollen, sich gegenseitig abzufeiern. Und einander zu bestärken, indem ein gemeinsamer Versuch unternommen wird, Schlüsse und wenn möglich Auftrieb zu ziehen aus dem plötzlichen Auf- und wieder Abflauen des öffentlichen Diskutierens über Sexismus.