Mädchenbilder

Es ist so einfach, die Bravo zu bashen. Nichts ist leichter.

Natürlich ist die Liste mit den 100 Flirttipps, die zu Recht eine Flut an Kritiken und Parodien ausgelöst hat, furchtbar. Aber es gibt auch in zig Frauenzeitschriften täglich rückschrittige Flirt- und Beziehungstipps. Es werden auch in Männerzeitschriften dauernd Rollenbilder wie aus den 50ern verbreitet. Da schreiben aber nicht plötzlich Tageszeitungen drüber, vielleicht der eine oder andere vereinzelte Blog einmal, ein Beitrag, der wieder in der Versenkung verschwindet, keine Welle auslöst.

Ich begrüße es ja sehr, dass die Bravo – Redaktion nun ihren Fehler eingesehen, sich für einzelne zu kritisierende Aspekte entschuldigt und den Artikel aus dem Netz genommen hat. Ich würde mir wünschen, dass das in Zukunft auch bei jeder Cosmopolitan, jeder Men’s Health und jeder Glamour so läuft.

Ich habe den Verdacht, dass die Bravo als weniger respektabel gilt. Als eine Zeitschrift, die sich an weibliche Teenager richtet noch weniger Ansehen genießt. So viele Zeitungen berichten plötzlich darüber, als haben sie nur auf die Gelegenheit gewartet. Zeitungen wie der Stern und der Focus, die nun wirklich nicht für ihre feministische Agenda bekannt sind.

Nicht einer der Artikel kommt eine Sekunde darauf, dass Mädchen es vielleicht schaffen könnten, die Widersprüche oder die Unangemessenheit der Tipps zu entlarven. Hätte ich mit 12 oder 13 einen Artikel gelesen, der mir im einen Tipp empfiehlt, mich sexy und verrucht in zerrissenen Jeans zu kleiden, wenige Tipps weiter, immer gepflegt aufzutreten, dann noch, mir das Hoodie meines größeren Bruders anzuziehen und gleichzeitig immer möglichst weiblich gekleidet zu sein, ich hätte die Stirn gerunzelt, den Kopf geschüttelt und das Ding frustriert in die Ecke geworfen, es aber auch nicht mehr ernst genommen.

Aber das ist ja die Bravo, die wird ja nicht etwa gelesen, um sich drüber lustig zu machen. Die wird ja von jungen Mädchen gelesen, die nehmen das alles ernst und für bare Münze. Wenn ich mich richtig erinnere, haben wir die Bravo früher immer mit mehreren gelesen und über die schlechten,völlig daneben liegenden Ratschläge, die niemand ernsthaft umsetzen wollte, gelacht.

Es ist so einfach, zu übersehen, dass einige wenige der Tipps vielleicht wirklich eine Hilfe sein könnten für diejenigen, die verunsichert sind – allen voran der letzte und damit wichtigste, das was eben am Ende stehen bleibt: Sei du selbst.

Im Bravo – Zielgruppenalter hätte ich mir den rausgepickt und diejenigen, die den Klamottenstil, den ich eh schon hatte, rechtfertigen – die Liste ist so widersprüchlich, da finden sich ja beinahe alle irgendwo wieder – und dann vielleicht noch den einen oder anderen Blickkontakt-und-dabei-an-den-Haaren-spielen – Trick, den ich auch mit Ende Zwanzig noch befolge, weil flirten nunmal seither nicht groß einfacher oder anders geworden ist.

Ich will damit nicht den Artikel verteidigen. Aber ich sehe zu oft Kritik und Missachtung für Girl – Culture und Tipps für besseres Ankommen, Auftreten und Flirten in Teeniezeitschriften gehören für mich dazu. Die berechtigte Zurückweisung des dahinter stehenden Frauenbildes sollte nicht damit enden, Mädchen keinen reflektierten, ironischen Umgang mit den auf ihre Zielgruppe zugeschnittenen Produkten zuzutrauen.

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